Überdeckungstrick

Der Überdeckungstrick bezieht sich auf die Empfindlichkeit der Sinne, die sich gewöhnlich im logarithmischen Maßstab an die jeweils wirkenden Reize anpasst. Bei Einwirkung eines starken Reizes werden die Sinnesrezeptoren zu deren Schutz unempfindlicher, so dass gleichzeitig wirkende kleinere Reize unbemerkt bleiben. Zum Beispiel werden bei hellem Sonnenlicht (Blendung) im Schatten liegende Dinge übersehen oder bei der Einwirkung von Lärm Sprachkommunikation unverständlich. Das Phänomen ist im Prinzip bei allen 5 Sinnen zu beobachten und im übertragenen Sinn selbst im Bereich der Gedanken und der Aufmerksamkeit wirksam. Die physiologische Eigenschaft der Sinne ermöglicht es dem Menschen über weite physikalische Bereiche wahrzunehmen. Die Sinnesempfindlichkeitsanpassung bedarf dabei einer gewissen Zeit. Insbesondere bei Abnahme der Reizstärke ist eine gewisse Anpassungsträgheit zu beobachten, so dass auch schnelle Intensitätswechsel vom starken Sinnesreiz dominiert bzw. überdeckt werden. Der Arbeitsschutz fordert bei starker Lärmexposition am Arbeitsplatz entsprechend lange Gehörerholungszeiten, damit keine dauerhafte Verschiebung der Hörempfindlichkeit (Schwerhörigkeit) eintritt.

Die beschriebenen Sinneseigenschaften können im Bereich der Bauphysik, die sich an Behaglichkeitskriterien orientiert, mit Vorteilen und Nachteilen behaftet sein. So ist z.B. die subjektive Störwirkung von Schall (Lärm) nicht nur vom messbaren Störschallpegel abhängig, sondern auch vom bereits vorhandenen Grundgeräuschpegel – vgl. Stichwort - am betreffenden Ort. Ein besserer Schallschutz der Außenbauteile von Wohnungen führt innen zu geringeren Schallpegeln z.B. infolge Straßenverkehrslärm, so dass dann Geräusche aus angrenzenden fremden Wohnungen besser wahrgenommen werden können. Es kann dabei sein, dass ein sehr guter Schallschutz zwischen den Wohnungen als unzureichend empfunden wird. Dagegen hat ein schlechterer Schallschutz der Außenbauteile innen höhere Pegel infolge Straßenverkehrslärm zur Folge, so dass der genannte Schallschutz zwischen den Wohnungen als ausreichend empfunden wird.

Die Kenntnis dieser Sinneseigenschaften lässt sich im Bereich der Bauphysik auch technisch und somit trickreich nutzen. So wird in Großraumbüros zuweilen ein durch ein breitbandiges Frequenzspektrum unauffälliges Geräusch (Breitbandrauschen) mittels Lautsprecher oberhalb der Abhangdecke in den Raum abgestrahlt, damit die Gespräche der anderen Mitarbeiter im Büro nicht so auffällig sind und die Diskretion verbessert wird. Diese zusätzlich eingebrachten Geräusche dürfen möglichst keinen Informationscharakter aufweisen, damit sie nicht als zusätzliche Lärmbelästigung wahrgenommen werden. In dieser Hinsicht sind natürlich induzierte Geräusche wie das Blätterrauschen von Bäumen oder das Plätschern eines Bachlaufs günstig, da ihnen im Allgemeinen eine große Akzeptanz entgegen gebracht wird. So kann z.B. außen in der Nähe entsprechend schutzbedürftiger Räume (Schlafzimmer) ein Baum gepflanzt werden, um vielleicht das Geräusch einer benachbarten Lüftungsanlage zu überdecken. Obwohl das Blätterrauschen des Baums zu einer Schallpegelerhöhung führt, kann die subjektive Störwirkung insgesamt geringer sein.

Nun lässt sich eine dauerhafte Verschiebung der Hörempfindlichkeit (Schwerhörigkeit) auch bei Personen feststellen, die gar nicht einmal einer stärkeren Lärmexposition, sei es beruflich oder privat, ausgesetzt sind. Möglicherweise ist dieses körperliche Symptom damit in Verbindung zu bringen, dass die betreffenden Personen „viel um die Ohren“ haben, d.h. viel beschäftigt sind und sich keine oder zu wenig Ruhezeiten gönnen. Wer sich ständig mit Informationen (Sinnesreizen) überflutet, dem bleibt paradoxer Weise auch viel verborgen: „Wer die leisen Töne hören will, der möge in die Stille gehen“!